Neue Medien im Profil: Spatz – lokal gewinnt

Was passiert dort, wo wir leben? Was wird von wem warum gebaut? Was entscheidet die Politik? Was findet am Wochenende statt und wer engagiert sich im Quartier? Überall hier pickt die neue Plattform Spatz an. Die Community-Plattform denkt Lokaljournalismus neu: hyperlokal, digital, verlässlich, unkompliziert – mit Inhalten von der Community selbst. Gründer Hannes Grassegger erklärt in unserer Serie über neue Medienformate, was hinter Spatz steckt, welche Rolle KI spielt und warum Lokaljournalismus eine neue Chance haben könnte – gerade jetzt.
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Seit 2018 und unserem Beitrag zum damals trendigen Izzy-Magazine betrachten wir in dieser Serie entlang einer Handvoll von Fragen neue Medienformen, die unseren Konsum – und allenfalls sogar Politik und Gesellschaft – einst prägen könnten. Nun wurden wir von einem Zürcher Gemeinderat auf eine spannende Innovation namens Spatz  hingewiesen, die in unseren Augen und Verständnis für das Wirken von Communities durchaus Potenzial in diese Richtung hat.

Gründer Hannes Grassegger erklärt wie und wieso:

Was ist die Vision von Spatz?

Ganz einfach: Menschen sollten wissen und verstehen, was dort passiert, wo sie leben. Einst haben Lokalmedien diese gemeinsame Öffentlichkeit geschaffen, beschrieben und erklärt. Viel davon ist verschwunden. Wir wollen dies digital neu stärken: Noch lokaler, super-verlässlich und so nah an Nutzer und Alltag wie irgendwie möglich. Also keine App, keine Komplikationen. Dabei geht es um mehr als News. Wenn Menschen wissen, was vor ihrer Haustür passiert, reden und machen sie eher mit und engagieren sich. Ich selber wohne in Zürich Oberstrass. Wenn ich weiss, was drei Strassen weiter passiert, ist mir das oft näher als eine dramatische Schlagzeile von irgendwo auf der Welt. Im Alltag brauche ich lokale Informationen viel dringender. Darum sind wir überzeugt: Lokal ist wertvoller.

Warum gründet ihr ein neues Medium?

Ausgerechnet dort, wo Nachrichten für den Alltag so konkret sind, fàllt immer mehr weg. Obwohl Superlokales genau jetzt machbar wird. Ich komme aus dem Journalismus und arbeitete viel an grossen, internationalen Geschichten. Mir fiel auf: Wir erfahren heute in Echtzeit alles, was beim Bund, in Schweden oder im Silicon Valley passiert – aber nicht, vor unserer eigenen Haustür. Dabei sprudeln hier die besten und meisten  Info-Quellen: Gemeinde, Vereine, Schulen, Veranstalter, Unternehmen oder einfach die Menschen im Quartier. Es passiert ja viel. Die Herausforderung bleibt, dies zu sammeln und  bündeln. Spatz bietet einen verlässlichen Überblick. Dieses Bedürfnis sehen wir sehr deutlich: Spatz bedient bereits über 150 Schweizer Gemeinden. In Erlenbach ZH haben sich in wenigen Monaten rund 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung angemeldet. Jetzt wollen wir herausfinden, ob dieses Modell auch in Quartieren grösserer Städte funktioniert.

Was sind die Herausforderungen?

Das Schwierigste ist,lokal zu wirken und langfristig tragfähig zu sein. Ein gutes Lokalmedium muss seinen Ort wirklich verstehen. Sonst merkt man schnell: Das kann genauso gut irgendeine andere Gemeinde betreffen. Klassische Lokalredaktionen für Hunderte Orte sind aber wirtschaftlich nicht tragfähig. Darum hilft KI bei  der Such-, Sortier- und Aufbereitungsarbeit. Nur: Die Qualitätssicherung – was relevant ist, stimmt und publiziert wird – bleibt eine redaktionelle Aufgabe. Vertrauen und Qualität sind weitere grosse Herausforderungen. Gerade weil wir mit KI arbeiten, machen wir Quellen, Auswahl und Verantwortung konsequent nachvollziehbar. Lokaljournalismus verzeiht wenig: Wenn das Schulhaus falsch geschrieben ist, merken das alle sofort. Und Vertrauen gibt es nicht auf ewig. Man muss es sich täglich neu verdienen und  verliert es schnell. Gleichzeitig ist zu beweisen, dass sich das Modell langfristig und unabhàngig finanzieren lässt. Hier setzen wir auf Mitgliedschaften, lokale Werbung und Förderpartnerschaften. Gemeinden wie Wiesendangen geben uns beispielsweise Anschubfinanzierungen, um die Setup-Kosten zu decken.

Was macht ihr anders als andere?

Alle Inhalte kommen aus der Community. Spatz ist für uns eine Nachbarschaftszeitung, die mit dem Ort arbeitet und nicht bloss über ihn berichtet. Wir sammeln Informationen aus vielen lokalen Quellen. Dazu kommen Einsendungen aus der Bevölkerung: von Vereinen, Institutionen und Menschen, die etwas beitragen. KI hilft uns beim Finden, Zusammenführen und Aufbereiten. Das bleibt: Menschen prüfen, gewichten und entscheiden. So arbeiten wir auch an Orten regelmässig journalistisch, an denen eine klassische Redaktion wirtschaftlich kaum möglich wäre. Das Ganze soll möglichst einfach sein: Keine neue App, keine endlose Timeline. Spatz kommt einmal pro Woche per Mail mit allem, was vor Ort wichtig ist. Und wir starten nicht einfach irgendwo, weil wir finden, dort müsse es uns jetzt geben. Eine neue Ausgabe kommt, wenn genügend Menschen vor Ort sie wollen und das mit ihrer Anmeldung bekräftigen. Das gefällt mir: Das Medium wächst von unten. In Zürich erproben wir das gerade bei mir daheim im Kreis 6.

Wo steht ihr in zwei Jahren?

Wenn es gut läuft, ist Spatz dann an vielen weiteren Orten in der Schweiz ein fester Teil des lokalen Alltags. In Dörfern genauso wie in Stadtquartieren. Wichtiger als eine bestimmte Zahl ist aber, dass Spatz für viele Menschen selbstverständlich geworden ist: Einmal pro Woche kriege ich Information, von der ich weiss, dass sie sorgfältig ausgewählt und geprüft ist. Ich hoffe, das wird zeigen: KI muss Journalismus nicht unpersönlicher und globaler machen. Richtig eingesetzt, hilft sie im Gegenteil, Medien wieder näher zu den Menschen zu bringen. Am schönsten wäre es, wenn Spatz so nützlich wird, dass man merkt, wenn er fehlt.

Das Lokale als Ergänzung und Gegentrend

Genau darin liegt für uns das Spannende an Spatz. Wir leben in einer Kommunikationswelt, die stets globaler, schneller und voller wird. Social Media bringen Ereignisse aus der ganzen Welt in Echtzeit aufs Handy oder gar auf die Smartbrille. Gleichzeitig wächst die Content-Menge ins Unendliche. Vielleicht entsteht gerade so ein neues Bedürfnis nach dem Gegenentwurf: Nähe, Einordnung und Relevanz. Zu wissen, was ums Eck passiert. Wer sich engagiert. Was entschieden wird. Wo man selbst mitreden oder mitmachen kann. Lokaler Grassroot- und Community-Journalismus bietet sich als eine interessante Zukunft an. Nicht als Ersatz für nationale oder internationale Medien, sondern als ergänzende Gegenbewegung zur globalisierten Infowelt. Je grösser die Welt im Bildschirm wird, desto wertvoller könnte wieder werden, was direkt vor unserer Haustür passiert.

Weiterführende Informationen
alle Bernetblogs der Serie «Neue Medien im Profil»
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Bild: Screenshot von Spatz/about-us mit Gründer und Interview-Partner Hannes Grassegger

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