9/11 : Als die Welt einstürzte, blieb ein Gespräch

«There is a crack in everything. That’s how the light gets in.» (L. Cohen «Anthem»). Über diesen Riss und das Licht darin geht es in diesem Blogbeitrag. Vor 25 Jahren – noch während ein sonniger Tag in New York eine dramatische Wendung nahm, sass ich in einem Zug über den Gotthard. Nebenan unterhielten sich zwei Männer. Sie hatten sich ewig nicht gesehen. Eine kleine Geschichte darüber, was Kommunikation vermag, wenn grosse Worte versagen.
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Manchmal verstehen wir erst viel später, warum uns eine Begegnung nicht mehr loslässt.

Ein Zug nach Zürich

Es war der 11. September 2001. Zwei Wochen zuvor hatte ich meinen Job als Head of Promotion bei Sony Music aufgegeben. Unsere Tochter Mia war fünf Monate alt. Meine Partnerin Marianne,  die kleine Mia und ich bestiegen in Faido den Zug nach Zürich (die NEAT war noch eine Baustelle). Neben uns trafen sich zwei Männer. Sie hatten sich Jahre nicht gesehen. Einer im Rennvelo-Gwändli. Vor allem der andere erzählte. Ich versuchte zu lesen – konnte mich aber  bald nicht mehr konzentrieren, sondern hörte gebannt zu. Es ging um Leben, Kunst, Menschen. Irgendwann notierte ich: «Im Zeichen des magischen Schaffens.» Marianne behauptete, es hiesse «des magischen Affens». Ich lachte sie aus. Sie behielt recht. Während dieses Gesprächs, irgendwo zwischen Arth-Goldau und Zürich, mussten in Manhattan die Türme des World Trade Centers eingestürzt sein. Wir wussten noch nichts davon.

Der Briefwechsel im Jahr darauf (2002)

Zuhause sahen wir die Bilder. Am Abend sassen Freunde bei uns im Wohnzimmer. Wir assen unser Leibgericht Gulasch, tranken Rotwein und versuchten zu verstehen, was nicht zu verstehen war. Ich dachte immer wieder an die beiden Männer im Zug. Erst Monate später fand ich heraus, wer der eine von ihnen war: Urban Gwerder, Künstler, Underground-Poet und Weggefährte des grossen  Frank Zappa. Ich schrieb ihm ein Jahr nach dieser  Zugfahrt einen persönlichen Brief (PDF) . Ich schrieb : «Irgendwie – warum weiss ich nicht – hat mir die damalige Zugfahrt sehr gut getan und mich auch getröstet und bleibt unvergesslich.»

Zu meiner grossen Überraschung antwortete die Kulturprominenz Urban ein paar Wochen später (sein Brief als PDF) :  «Lebenslänglich bin ich als Feedback-Mensch unterwegs. Und dann kommt einer, der das auch realisiert… Wunderbar.»

Der Feedback-Mensch

Dieses Wort ist mir geblieben. Ein Vierteljahrhundert später senden, posten und kommentieren wir unendlich viel mehr als damals. Gleichzeitig erleben wir noch immer Gewalt, Krieg und Polarisierung. Gerade dort im «Land  of the Free», das damals so stark attackiert wurde. Vielleicht besteht gute Kommunikation gerade deshalb manchmal nicht darin, noch mehr zu senden. Sondern wahrzunehmen, zuzuhören und zu antworten.

Urban starb 2017. Wir haben uns nie getroffen, was ich sehr bedaure. Dennoch verbindet uns der Staub der beiden Türme bis heute.  Aus dieser zufälligen Begegnung und  dem kommunikativen Engagement zweier Feedbacks wuchs eine andauernde Verbindung. Vielleicht heilt Kommunikation nicht die Welt. Aber manchmal schliesst sie kleine Risse darin – oder  leuchtet hell durch sie.

Weiterführend: 
Alle bernetblog-Beiträge zu Agenturalltag, Agenturkultur

Bilder: 
Titel: «Sunset Park and Manhattan», Aquarell auf Moleskine A6 des Autors , auch zu sehen unter Insta#DomNotesOnWater und ab 3. Oktober ausgestellt  in Lavorgo TI  (Flyer)
Visual:  Ki-Animation der Begegnung.

Song/Zitat zum Post: « Anthem» von Leonard Cohen (Youtube)

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