Print mit Zukunft: weg vom Tagesjournalismus

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Die Portugiesen, Holländer und Schweden machen es vor: Zeitungen, die den Preis wert sind. Auf der Spur ihrer Erfolgsrezepte.

Wie muss eine Zeitung im 21. Jahrhundert sein, damit sie überlebt? Diese Frage haben die drei folgenden Blätter erfolgreich beantwortet (Auszug aus dem Magazin-Artikel vom 4. September 2009):

Portugal: informaçao
Martim Figueiredo startete seine Zeitung mitten in der Medien- und Finanzkrise. Eine ziemlich mutige oder gar überhebliche Handlung? Das Redaktionsteam geht grundsätzlich davon aus, dass Lesende sich auf anderen Kanälen über das Weltgeschehen informieren. Wer das Blatt für 1.40 Euro kauft, erwirbt sich einen Mehrwert. Chefredaktor Figueiredo: «Ich glaube, die Leser schätzen es sehr, nicht mit den Geschichten von gestern belästigt zu werden». Das portugiesische Blatt sichert sich seine Leserzahlen mit Aktualitäts-Inhalt: fünf Meinungsartikel, Reportagen und Hintergrundgeschichten. «Das erworbene Wissen soll länger als 24 Stunden nützlich sein und Themen für den Familientisch oder das Feierabendbier liefern», erklärt Martim Figueiredos.

Rotterdam: nrc.next
Die Hauptzielgruppe der Tageszeitung ist unter dreissig. Ja genau, die Digital Natives. Warum sollte diese Generation zum Papier greifen? Titia Ketelaar, Chefredaktorin, verzichtet bewusst auf News und bietet Hintergrund-Wissen zu den Schlagzeilen mit Reportagen, Analysen und Meinungen. Viel Überraschendes und eine klare Haltung sichern die Leserzahlen. 1.10 Euro kostet eine Ausgabe mit einer langen Auslandreportage und gut recherchierten Artikeln. Auch hier: Routine ist nicht gefragt, die Gliederung ist ohne Ressorts. Titia Ketelaars Geheimrezept lautet: «Keine Aktualität, wenig Relevanz. Überraschend und eigen.»

Stockholm: Svenska Dagbladet
Die Zeitung wirkt mit seiner eleganten Grafik und prägnanten Bildsprache grosszügig, pointiert und sinnlich. Und holt sich damit einen Preis nach dem anderen für die beste Gestaltung. «Nicht nur das Format muss sich ändern, sondern auch das Denken der Journalisten», sagt Ann Axelsson, stellvertretende Chefredaktorin. Der Inhalt ist eine Balance aus News und Hintergrund. Zusätzlich zur täglichen Ausgabe werden zwei Magazine beigelegt: eines zu Themen aus der Wirtschaft und ein anderes zu Themen aus Kultur und Gesellschaft. Die Redaktion besteht zur Hälfte aus Frauen.

Für mich ist klar, tagesaktuell und Print beissen sich. Deshalb wird in Zukunft nur bezahlt, was ich virtuell nicht bekomme oder online nicht dargestellt werden kann. Die Schweizer Medienlandschaft muss sich da noch Konzepte ausdenken – weg vom Tagesjournalismus, hin zum Hintergrundjournalismus. Ich freue mich auf diesen Wandel. Figueiredos freche Behauptung, dass Relevanz heute nach wie vor nur in Print erzeugt werden kann, ist mir zu überheblich. Hängt Relevanz vom Kanal ab oder von der Lesekultur oder gar von den Empfängern?

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