Dass viele klassische journalistische Angebote riesige Herausforderungen haben, ist nicht neu. Den zu Bigtech abfliessenden Werbegeldern steht eine (zu) kleine Anzahl Menschen gegenüber, die bereit ist, für Informationen zu bezahlen. Und selbst die SRG befindet sich in einem politischen Sturm, der sich auch bei einer Ablehnung der SRG-Initiative am 6. März wohl nur bedingt legen würde.
Hinzu kommt: 46.5 Prozent der Schweizer:innen sind «News-Deprivierte», nutzen also kaum oder gar keine journalistischen Inhalte. Das ergab die jüngste Erhebung der Universität Zürich im Jahrbuch der Medien 25. Und weiter : «Soziale Medien gewinnen als Hauptinformationsquelle weiter an Bedeutung. Das ist auch insofern ein wichtiger Befund, da unsere Vertiefungsstudie zur News-Deprivation zeigt, dass ein ausschliesslicher Konsum von sozialen Medien weniger zur Informiertheit beiträgt.»
Meinung ersetzt Debatte
Die Abkehr von klassischen Medien ist ein weltweites Phänomen. Und ein politisches Werkzeug, das sich insbesondere rechtsorientierte Parteien zu Nutze machen. Indem sie ganz gezielt auf Tiktok und anderen Kanälen die News-Deprivierten abholen. Mit Meinungen die zum Leben der Zielgruppen passen sowie Emotionalisierungen und Zuspitzungen. Und mit Quellen, die das eigene Narrativ stützen. Ohne Debatte. Eine sehenswerte Dokumentation dazu am Beispiel der AFD gibt es in der ARD-Mediathek.
«Sei links oder sei ruhig», sagt Joung Gustav in seinem Video, das er nach der Auslistung seiner Produkte bei der Migros publiziert hat. Das Video ist ein eigentliches Lehrstück zu politischer und emotionalisierter Beeinflussung. Und es flimmert aktuell über hunderttausende Smartphone-Bildschirme.
Meine Erkenntnisse:
- «Meinungsinfluencer:innen» gewinnen auch in der Schweiz an Bedeutung. Mit oder ohne grosse Partei im Rücken.
- Je stärker Influencer:innen polarisieren, desto einfacher werden sie Zuspruch und/oder Ablehnung erhalten.
- Gefühlt agieren viele politische Parteien und Akteure auf Social Media weiterhin stückhaft und strategielos. Das funktioniert nicht mehr.
- In den Kommentar-Spalten rund um Gustav findet oft ein konstruktiver Diskurs statt. Der darf nicht verloren gehen. Dafür sind journalistische Angebote auch weiterhin zentral.
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