Über 200 engagierte Mitglieder und Gäste folgten ins ehrwürdige ETH-Auditorium Maximum und liessen sich vom Referat von Journalismus-Doyen Roger de Weck und dem von Reto Lipp geleiteten Podiumsgespräch inspirieren.
Im Zentrum standen die «drei grossen Irrtümer» im Journalismus, mit denen de Weck den Abend klug eröffnete. Und ja: Daraus lässt sich für die Journalismus-Zukunft wie auch für Agenturen und Communication Departments einiges ableiten.

Wie sehr eine funktionierende Gesellschaft von einer starken vierten Gewalt abhängt, zeigt die Geschichte – von der Antike bis zur Gegenwart, von Minneapolis bis Herrliberg, wo wir bald über einen weiteren harten Angriff auf die öffentlich-rechtlichen Medien abstimmen.
Die drei Irrtümer: Rendite, Empörung und Netflixisierung
Das Leitthema «Fakten oder Framing? Vertrauen oder Täuschung?» prägte die Podiumsdiskussion. De Wecks drei Irrtümer bildeten dabei den gedanklichen Rahmen. Hier in Kürze – ergänzt um eine Einschätzung für die Organisationskommunikation:
Irrtum 1: Qualitätsjournalismus kann nicht rentieren
Das Kaputtsparen von Redaktionen, Printtiteln und Radio-/TV-Formaten bzw. Sendern rettete nie nachhaltig Gewinne und brachte keine Leser:innen oder Zuschauer:innen/Hörer:innen (zurück). Beschleunigt hat es jedoch die Abwärtsspirale rund um die Bedeutung von qualitativ hochstehenden Bezahlmedien für das von der Infoflut verwöhnte Publikum. Mit einer potenziell fatalen Konsequenz für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Versprochen.
Irrtum 2: Kreisende Erregungen bringen Erfolg
Daran wird sich der dritte Irrtum nahtlos anfügen. Es mag vereinzelt zu schwindelerregenden Klickzahlen und Streamingstunden gekommen sein. Ein gutes Omen sind sie nicht. Weder für die wirtschaftliche Potenz noch für die Relevanz bei den Rezipient:innen. Sind die Redaktionen oder wir Organisationskommunikator:innen einmal gefangen im Vortex permanenter, kreisender Erregungen, verhalten wir uns wie Zauberlehrlinge: «Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht mehr los».
Irrtum 3: Wie die Grossen – Netflixisierung, Algorithmisierung, Klickhörigkeit
Dass die Medien – gerade auch in der kleinen Schweiz – versucht sind, auf die Rezepte der ganz Grossen zu schielen, ist ein dritter, gefährlicher Irrweg, der freilich vom zweiten abzweigt und den es umso mehr zu vermeiden gilt. Und zwar zugunsten von Eigenständigkeit, Kundennähe, Verständnis, kritischem Themenfokus und «guten, kleinen, oft regional verankerten und spezialisierten Ideen». Vor allem sie bringen echte, nachhaltige Stabilität und Treue. Tönt altmodisch – zahlt sich aber aus. Sie haben ja auch nicht so viele Daten wie Google, Amazon, Netflix oder Temu.
Gross wäre die Versuchung, diese drei Punkte in ihrer ganzen Komplexität in drei griffige «How-Tos» für die PR (und die Medien) zusammenzufassen und damit der ganzen Perplexität 😉 zu entkommen. Wir verzichten bewusst und lassen die Gedanken auf unsere Leser:innen wirken. In der Hoffnung, damit da und dort eine Diskussion auszulösen, einen KI-Agenten positiv umzulenken oder einen Hoffnungsfunken zu zünden. Denn die gibt es – weil guter Journalismus und Kommunikation einfach toll sind. Und das kommt irgendwann zurück. Halbierung hin oder her. Garantiert. Wetten?
Und jetzt? Eure Neugier interessiert uns: Input willkommen
Und so diskutieren wir hoffentlich auch im Vorfeld der nächsten CH-Sportferien wieder über spannende Makro-Themen aus der Schnittmenge von Journalismus und Public Relations. Themeninputs und andere Feedbacks sind willkommen an die E-Mail des Autors oder unsere ZPRG-Zentrale. Danke für das Interesse und Engagement!
Weiterführend:
- Bernetblog-Beiträge zum ZPRG-ZPV-Communication Summit und damit eine spannende Zeitreise gibt es hier fast lückenlos: 2024, 2023, 2020, 2019, 2017, 2015, 2013 2012, 2011, 2010, 2009, 2008
- Seit dem Corona-Ausfall 21/22 führen wir mit grossem Engagement von Reto Lipp und Christoph Soltmannowski auch den beliebten ComSumCast-Podcast mit bereits fast 40 interviewten Persönlichkeiten aus unseren Berufen.
Fotos: Stefan Weiss